Der Freund meiner Freundin

"Die Freunde meiner Freunde sind auch meine Freunde" - diese Redewendung karikiert Eric Rohmer in seiner Liebeskomödie auf für ihn typische Art und Weise: immer stehen die Worte der handelnden Personen in reizvollem Gegensatz zu ihren Taten, je mehr über etwas gesprochen wird, desto scheuer scheint es sich zu verflüchtigen und am Ende hält niemand das in den Händen, wonach er sich zu Beginn gesehnt hat. Doch im Unterschied etwa zu "Sommer" oder "Pauline am Strand", wo alle Verwirrungen der Handlung sich am Ende ins Nichts verweht haben, gönnt dieser Film seinen Figuren ein zumindest vorläufiges Happy End. Das Puzzle findet, wenn auch in anderer Form als angestrebt, zusammen.

Blanche, eine junge Verwaltungsangestellte, lebt in Cergy-Pontoise, einer modern hochgezogenen Vorstadt von Paris zwischen Wohnungstürmen und künstlichen Seen. Sie freundet sich mit der unkomplizierten, lebenslustigen Studentin Léa an, auf die sie durch Zufall in der städtischen Mensa trifft, und die mit Fabien zusammenlebt, einem stillen, ernsten jungen Mann, der in nichts die gleichen Interessen hat wie sie, so daß sie einmal spöttisch sagt, sie beide würden viel besser ohne einander auskommen.

Bei einer ihrer gemeinsamen Unternehmungen lernen sie Alexandre kennen, einen dynamischen, selbstverliebten jungen Manager, der die schüchterne, stille Blanche sogleich zu faszinieren beginnt. Eher aus gutem Willen ihrer Freundin gegenüber denn aus Überzeugung, die zwei gegensetzlichen Charaktere könnten eine gemeinsame Zukunft haben, versucht Léa die beiden einander näherzubringen. Doch während Alexandre angeregt mit der aufgeschlossenen Léa plaudert, sitzt Blanche ihm nur wie ein Kaninchen vor der Schlange gegenüber und läßt die Gelegenheit in befangenem Schweigen vorüberziehen.

Die Geschichte bekommt eine ganz andere Wendung, als Léa übers Wochenende zu ihren Großeltern aufs Land fährt (was in Wahrheit nur die Ausrede dafür ist, einen neuen Freund zu besuchen, wie sie ihrer Freundin Blanche gesteht). Blanche, die noch immer hofft, Alexandre wiederzutreffen, stößt statt dessen immer wieder auf Léas allein gelassenen Freund Fabien. Aus einer Art gegenseitigem Pflichtgefühl wegen ihrer gemeinsamen Bekanntschaft mit Léa verabreden sie sich an den Seen zum Windsurfen. Im Verlaufe des Tages kommen sie sich näher und auf einer Waldlichtung kommt es zu einem Kuß, in dessen Anschluß Blanches widersprüchliche Gefühle sich in einem Weinkrampf entladen: Fabien ist der "Freund ihrer Freundin" - also eigentlich tabu für sie. Und doch harmonieren sie ganz augenscheinlich blendend miteinander. Zudem ist sie eingeweiht in Léas Plan, Fabien genau in diesem Augenblick mit einem anderen Jungen zu betrügen. Und dann ist da noch Alexandre, von dem sie sich eigentlich wünschen würde, mit ihm so zusammenzusein wie in diesem Augenblick mit Fabien...

In dieser Nacht schläft Blanche mit Fabien. Doch als Léa am nächsten Tag wiederkommt und nur eine abfällige Handbewegung für ihre Wochenendbekanntschaft übrig hat, scheint alles wieder beim alten. Léa ist optimistisch, die angeknackste Beziehung mit Fabien zu kitten. Dieser meldet sich nicht mehr bei Blanche. Und sie weiß noch immer nicht, wie sie ihrem Traumbild Alexandre näher kommen könnte.

Erst auf einer Party trifft sich das Quartett wieder. Blanche und Fabien können unter den Augen der anderen nur wenige Worte miteinander wechseln. Doch beide geben sich überzeugt, es sei das beste so, zu vergessen, was zwischen ihnen geschehen ist. Die unermüdlich Léa hingegen unternimmt einen erneuten Versuch, Blanche und Alexandre miteinander zu verabreden. Doch auch bei diesem Treffen sitzt Blanche nur neben den beiden wie unnötiges Beiwerk, bis sie unvermittelt aufsteht und sich unter einer fadenscheinigen Ausrede verabschiedet. Mit einem Mal ist ihr klar geworden, daß es sie nicht mehr zu dem selbstsicheren Alexandre zieht sondern zu dem sensiblen Fabien. Und als sie nach Hause kommt, wartet dort auch schon eine Nachricht von Fabien, der seinen Gefühlen ebenfalls nicht länger entsagen konnte.

Der Pflicht enthoben, sich um ihre Freundin zu kümmern, realisiert nun auch Léa, daß Alexandres Interesse stets ihr und nicht Blanche gegolten hatte, und sie vermag sich den sehr stürmisch vorgetragenen Eroberungsversuchen Alexandres nicht länger zu entziehen.

In der Schlußszene des Films trifft sich das neu zusammengewürfelte Quartett in einem Restaurant am See, wo sich die zwei Paare eigentlich gegenseitig aus dem Weg gehen wollten. Nachdem es noch einmal zu einem Mißverständnis zwischen Blanche und Léa kommt, wo jede denkt, die andere rede über ihren neuen Freund, und die frischen Gefühle der beiden Frauen auf die Probe gestellt werden, klären sich schließlich alle Verwirrungen auf und die beiden Paare stehen sich in ihrer neuen Formation gegenüber.

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